Helon Habila, Öl auf Wasser

(Übers. Thomas Brückner), Büchergilde, 19,95 €

 KrimiZEIT-Bestenliste. SWR-Bestenliste.

2. Platz Deutscher Krimi Preis International 2013



Ich habe gerade ein Buch gelesen, das mich sehr beeindruckt hat. Man kann es als einen politischen Roman oder auch, wenn man will, als Umwelt-Krimi auffassen. Geschrieben ist es von einem nigerianischen Journalisten und thematisiert die durch Ölförderung im Niger-Delta verursachte verheerende Umwelt-Katastrophe. Dass die dortige lokale Bevölkerung nun schon seit Jahrzehnten gegen die Vernichtung ihrer traditionellen Lebensgrundlagen (Fischerei, in den ölverseuchten Gewässern nicht mehr möglich)rebelliert, wird in Deutschland nur sehr am Rande wahrgenommen. Vielleicht erinnern sich manche an die Hinrichtung des Schriftstellers Ken Saro Wiwas Ende der 80er Jahre des 20. Jhs. - er war einer der Anführer gewesen. Darüber war auch in Deutschland damals ausführlicher berichtet worden. Soweit zum Hintergrund des Romans, der 2010 im Original und 2012 in deutscher Übersetzung durch Thomas Brückner erschienen ist. Worum geht es?

 

Die Ehefrau eines britischen Öl-Ingenieurs wird entführt, der für die Öl-Firma arbeitet, die für die Umwelt-Katastrophe verantwortlich ist. Ein junger Journalist wittert eine Chance berühmt zu werden und unternimmt es, zusammen mit einem alternden Star-Reporter, den Fall aufzuklären. Die Geschichte wird somit aus der Perspektive zweier sich unparteiischer Beobachtung verpflichtet fühlender Journalisten erzählt; das ermöglicht dem Autor gleichen emotionalen Abstand zu allen an der Handlung beteiligten Gruppen: die Rebellen, die die Frau entführt haben; die Soldaten der sie bekämpfenden Armee; die Bewohner der Dörfer, die ihre Lebensgrundlagen verlieren und zu Umweltflüchtlingen werden.

Hervorzuheben sind beeindruckende (und beklemmende) Schilderungen der zerstörten Landschaft (die Nächte erhellende Abgasfackeln als quasi Leitmotiv) als Handlungshintergrund, die differenzierten Personendarstellungen jenseits von Gut-und-Böse-Schemata und der spannende Handlungsaufbau.

Wohltuend ist auch, ein sorgfältig lektoriertes und korrekturgelesenes Buch (mir ist bei der Lektüre nur ein einziger Rechtschreibfehler aufgefallen!) - heutigentags, wo öfter auch auf Lektorat und Korrekturlesen verzichtet wird, nicht mehr unbedingt selbstverständlich. Die Übertragung ins Deutsche erfolgte durch Thomas Brückner. Er ist namhafter Übersetzer für afrikanische Literatur und steht für ein sprachschönes und lebendiges Deutsch. Das Buch liest sich so, als hätte man das Original in Händen.

P.S. Nach Abschluß meiner Lektüre fand ich folgende Kurznachricht in der F.R. (Ausgabe vom 12.10.2012, S.9, Übernahme von epd):
             Nigerianer verklagen Shell-Konzern
Nigerianische Dorfbewohner und Umweltaktivisten haben einen Prozess gegen den Ölkonzern Royal Dutch Shell in den Niederlanden angestrengt. In dem Hauptverfahren, das am Donnerstag vor einem Gericht in Den Haag begann, fordern sie Entschädigungen für Umweltschäden durch drei Öllecks im Niger-Delta.
Eine Kurznachricht, die die meisten Leute sicherlich überlesen werden, und die man so, wenn man nichts sonst weiß, auch gar nicht einordnen kann.

 

empfohlen von Dietlinde Haug, Kundin und Büchergilde-Mitglied

 

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Elisabeth Filhol: Der Reaktor

Übersetzung aus dem Frz. von Cornelia Wend.-

Edition Nautilus, Hamburg, 2011. 121 Seiten, Gebunden, 16,00 €


,Der Reaktor' schildert in literarischer Form (nicht unbedingt als Roman, eher als Erinnerungen und Überlegungen eines Technikers in der Atom-Industrie) die Arbeitsbedingungen der  Atom-Arbeiter in den französischen Kernkraftwerken. Diese sind durchaus erschütternd; die Arbeitsbedingungen entsprechen offensichtlich in keinster Weise der doch sehr verantwortungsvollen Aufgabe, die ihnen obliegt. Sie erhalten durchweg nur befristete Arbeitsverträge und ziehen durch's Land von Atomkrafwerk zu Atomkraftwerk - in Frankreich gibt es deren ja 58! Übernachtet wird in billigen Hotels und zumeist aber auf Camping-Plätzen in gemieteten Wohnwagen, die sich, aus Ersparnis-Gründen, oft auch mehrere Arbeiter / Techniker teilen. Erzählt wird in Ich-Form; der Leser erhält intimen Einblick in die doch sehr belastende Lebenssituation dieser Menschen, z.B. wie man damit umgeht, daß einem bei der Arbeit NIEMALS ein Fehler unterlaufen darf und dass diese natürlich eben doch passieren ... Ausgangspunkt der Überlegungen des Ich-Erzählers ist der Suizid des unter den gegebenen Umständen, die das Entstehen und Pflegen von Freundschaften natürlich sehr erschweren, besten Freundes des Ich-Erzählers, als dieser einmal die Belastung nicht mehr aushielt und die Arbeit verweigerte - diese mußte dann durch Kollegen übernommen werden, mit der Konsequenz, daß die Kollegen einer höheren Strahlen-Dosis als vorgesehen ausgesetzt waren... Mehr will ich nicht verraten.

Die Sprache ist sachlich / nüchtern gehalten, die Inhalte sprechen für sich, da braucht es keine zusätzlich emotional gehaltene Sprache. Die Übersetzung liest sich gut, so als wäre das Buch von vorne herein in deutsch geschrieben, wie man es sich von einer Übersetzung wünscht - ich habe aber das frz. Original nicht zur Verfügung und kann die beiden Texte nicht vergleichen.
Zusammenfassend: Lektüre dringend empfohlen!

von Dietlinde Haug, Kundin und Büchergilde-Mitglied

 

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Donald Ray Pollock      Knockemstiff

Roman

256 Seiten, Gebunden mit Schutzumschlag, € 18,90

 

Donald Ray Pollocks episodischer Debütroman "Knockemstiff" ist die drastische Antwort auf Sherwood Andersons Kleinstadt-Klassiker "Winesburg, Ohio". Er erzählt aus einer weltlichen Hölle voller Dreck, Inzest und Gewalt.

 

Wenn die Hölle in dir steckt, gibt es kein Entkommen! Mit »Knockemstiff« schafft Donald Ray Pollock ein düsteres Gesellschaftspanorama, das aufzeigt, wie erschreckend dünn das Eis des Amerikanischen Traums ist. Ein wuchtiges, bewegendes Buch.

 

Knockemstiff, Ohio, ist ein tristes Kaff in der weiten Leere des Mittleren Westens. Hier trifft man auf Außenseiter, die hin- und hergerissen sind zwischen Sehnsucht und verlorener Hoffnung, zwischen Aufbegehren und sinnloser Gewalt. Da gibt es den jungen Jake, der zum Militär eingezogen werden soll und in die Wälder des Hinterlandes flieht, nur mit einem Messer in der Tasche. Und doch kehren die beiden Soldaten, die ihn verfolgen, nicht lebend zurück … Da ist Daniel, der von zu Hause abhaut und in die Fänge eines psychopathischen Truckers gerät. Oder Duane, der so lange vor seinen Freunden mit einer erfundenen Freundin prahlt, bis er selbst an sie glaubt. Wie in den großen Gesellschaftstableaus von William Faulkner und Sherwood Anderson greifen die Schicksale in Knockemstiff unheilvoll ineinander und verweben sich zu einem Netz falscher Lebenswege, in dem sich die Figuren so ausweglos verfangen, dass als letzte Wahrheit nur die eigenen Illusionen bleiben.

 

 

 

Vom selben Autor ist bei m o n d o (sowohl in der Büchergilde als auch als Verlagsausgabe) vorrätig:

 

Donald Ray Pollock    Das Handwerk des Teufels

Roman

304 Seiten, € 19,80, Gebunden mit Schutzumschlag


empfohlen von Hanns-Martin Rüter, Kunde und Büchergilde-Mitglied

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Jérôme Ferrari
Predigt auf den Untergang Roms

Roman

Der Gewinner des PRIX GONCOURT 2012!

208 Seiten, € 19.95, Gebunden ohne Schutzumschlag

 

Ein korsisches Dorf. Das Leben, vom Alltag bestimmte Monotonie. Sommer, Hitze,
Jagd auf Wild, wiederkehrend Tag um Tag. Und dann: ein Ereignis, eine Erschütterung. Folgenreich. Wie der Flügelschlag eines Schmetterlings. Zur allgemeinen Verwunderung haben zwei Söhne des Dorfes ihr vielversprechendes Philosophiestudium auf dem Kontinent vorzeitig beendet und übernehmen die Dorfkneipe. Um ganz im Sinne der Leibnizschen Lehre in ihrem Dorf die „beste aller möglichen Welten“ zu errichten. Aber: es richtet sich die Hölle selbst am Tresen ein. Und es wird eine korsische Dorfkneipe zur Weltenbühne des menschlichen Dramas. Mit prächtiger Sprache erzählt, dicht und bildkräftig, ein Wunder an Ausgewogenheit von Wucht, Weite, Tiefe und Leichtigkeit.

 

empfohlen von Hanns-Martin Rüter, Kunde und Büchergilde-Mitglied