Mittwoch, 10. Juli 2013     20.00 Uhr 

 

Wahlen, Teilhabe und Macht in bürgerlichen Gesellschaften

 

- Über Postdemokratie und Politikverdrossenheit

 

Vortrag von Prof. Dr. Georg Fülberth, Marburg


 

   Die parlamentarische Demokratie war eine der wichtigsten Forderungen des Bürgertums des 19. Jahrhunderts. Fortschrittliche Kritiker des Parlamentarismus erkannten jedoch schon früh, dass es zweierlei Dinge sind: die Macht zu haben oder bloß an der Regierung zu sein. In den institutionellen Strukturen und mit Hilfe vielfältiger Mechanismen des bürgerlichen Staates wurde in der Vergangenheit noch jede fundamentale Opposition in das System integriert. Aktuelle Beispiele einer solchen Entwicklung sind die „gezähmten“ und nun staatstragenden Grünen in Deutschland, die eine Zeitlang mitregierende Berliner Linkspartei oder - im internationalen Rahmen - die Lula-Regierung in Brasilien vor einigen Jahren.

   Erkenntnisse der Eliteforschung und die massenmediale Beeinflussbarkeit der Wahlbevölkerung westlicher Demokratien scheinen zu bestätigen: die Spielräume sind begrenzt. Die wichtigen Richtungsentscheidungen fallen offensichtlich eher durch nicht öffentlich tagende Strukturen und Eliten als durch wählbare Gremien Als Folge davon wird eine weitverbreitete Politikverdrossenheit der Bevölkerung beklagt. Der 2003 verstorbene Soziologe Johannes Agnoli entwickelte in seiner Schrift „Die Transformation der Demokratie“ im Rückgriff auf die Marxsche Staatstheorie seine Kritik des Parlamentarismus. Diese Analyse war eine der Grundlagen der Staats- und Gesellschaftskritik der 1968er Bewegung. Heute spricht der britische Soziologe Colin Crouch von "Postdemokratie".

   Die marxistisch orientierte Arbeiterbewegung sah in der Vergangenheit in der bürgerlich-parlamentarischen Demokratie ohnehin nichts weiter als eine spezifische Herrschaftsmethode der herrschenden Klasse, der Bourgeoisie. Das Parlament sei daher nur brauchbar als Tribüne und Podium für den öffentlich geführten Klassenkampf. Die verschiedenen anarchistischen Strömungen führten ihre Herrschaftskritik bis zu einer grundsätzlichen Ablehnung von Repräsentationsmodellen. In ihrer sozialen Utopie einer gewaltfreien, herrschaftslosen Gesellschaft entwickelten sie andere Formen politischer Teilhabe.

 

Der Marburger Politikwissenschaftler Prof. Dr. Georg Fülberth präsentiert am heutigen Abend staatstheoretische Überlegungen und vertiefende politikwissenschaftliche und demokratietheoretische Gedanken zur Frage: Was kann man überhaupt von Wahlen erwarten?

 

Eintritt frei

 

Mit freundlicher Unterstützung der Rosa Luxemburg Stiftung NRW e. V